Aktuell Denken Ernähren Bewegen Schlafen Arbeiten Lieben Wirtschaften Reisen
Diese Seite auf Facebook verlinken
PDF Drucken E-Mail
Mittwoch, den 13. Mai 2009 um 14:57 Uhr Geschrieben von: Heiner Sieger   
Wenn Perfektionismus krank macht
Forscherin rät zur frühzeitiger mentaler Therapie

Frankfurt/Main. Jeden Morgen ist Martina Müller mit Grauen zur
Arbeit gegangen. Ihre Leistung in der Verwaltung einer großen
Erfurter Klinik fand sie selbst nie gut genug. Sie war nie
zufrieden, weil sie die viel zu hoch gesteckten Ziele nicht
erreichte und Abstriche nicht zuließ. Fehler wertete die 56-Jährige
als eigenes Versagen. „Ich darf mir keine Blöße geben, ich muss
immer voll funktionieren – das ist meine Lebenseinstellung“, sagt
die zweifache Mutter.Das Gefühl der Überforderung... wurde immer stärker. Gleichzeitig
vermisste sie die Anerkennung der Kollegen für ihr übermäßiges
Engagement. Nachdem sie die Arbeit einer Kollegin hatte zusätzlich
übernehmen müssen, wurde sie psychisch krank, litt unter
Schlafstörungen und Erschöpfung. Für Monate ist sie nun
krankgeschrieben und in psychologischer Behandlung.
 Martina Müller nennt sich mit Stolz eine Perfektionistin.
Schließlich wird in vielen Lebensbereichen nach höchster Vollendung
gestrebt. Willy Brandt nannte es vor Jahren zwar „ein schreckliches
Laster“, aber ohne hohe persönliche Standards, Organisiertheit und
eine ausgeprägte Werteordnung gebe es viele begnadete Künstler,
Spitzensportler, Wissenschaftler und sozial engagierte Menschen
nicht.
 
Umgang mit Misserfolg entscheidend
 
 Das Setzen hoher Standards macht also nicht per se krank, es kann
sogar sehr positiv sein. Die Wissenschaft bezeichnet diese Form als
gesunden oder funktionalen Perfektionismus. „Der Umgang mit
Misserfolg entscheidet, ob Perfektionismus krank macht oder nicht“,
sagt Christine Altstötter-Gleich von der Universität Landau. Die
Psychologin ist nach eigenen Angaben bundesweit die Einzige, die zu
Perfektionismus forscht.
 Kernelement des Perfektionismus sind für Altstötter-Gleich die
sehr hohen individuellen Standards, die an Leistungen in sehr
unterschiedlichen Bereichen angelegt werden. Perfektionismus ist
ungesund oder dsyfunktional, wenn der Betroffene nicht mit
Misserfolgen umgehen kann. „Er nimmt nur die große Diskrepanz
zwischen Anspruch und Wirklichkeit wahr“, sagt Altstötter-Gleich.
Perfektionisten dieser Gruppe zweifeln an der eigenen
Leistungsfähigkeit und haben Angst, Fehler zu machen.
 Häufig geht das mit einem niedrigen Selbstwertgefühl einher. „Für
dysfunktionale Perfektionisten ist 'Schwarz-Weiß-Denken' ganz
typisch“, sagt die Forscherin. „Sie denken: `Wenn ich einen Fehler
mache, dann mache ich überall Fehler' oder: 'Wenn ich in einer
Situation versage, dann versage ich in allen'.“
 Die sogenannte perfektionistische Besorgnis wird von der
Wissenschaft mit klinischen Störungsbildern wie Essstörungen,
Depression, Angst- und Zwangstörungen, sexuellen Funktionsstörungen
und Selbstmordgedanken in Verbindung gebracht. Schätzungen über die
Zahl der Betroffenen gibt es nicht, da bislang keine
repräsentativen Untersuchungen durchgeführt wurden.
 
Wurzel liegt im Elternhaus
 
 „Das Phänomen ist sehr weit verbreitet“, sagt Altstötter-Gleich.
Rückschlüsse sind nur über die Zahl psychischer Störungen zu
ziehen. Schätzungen zufolge leiden zehn Prozent der Bevölkerung an
Depressionen. Zwei Drittel dieser Patienten haben nach Angaben
Altstötter-Gleichs Probleme mit Perfektionismus. Bei Essstörungen,
deren Prävalenzrate bei einem Prozent liegt, gibt es wegen der
hohen Ansprüche an das Äußere immer auch krankhaften
Perfektionismus.
 Die Wurzel beider Ausprägungen des Perfektionismus liegt im
Elterhaus. Perfektionisten kommen immer aus einem
leistungsorientierten Zuhause, in dem das Kind früh mit hohen
Standards konfrontiert wird. Kommen aber emotionale Kälte und
geringe Wertschätzung hinzu, steigt die Anfälligkeit für psychische
Störungen und es entwickelt sich ein dysfunktionaler
Perfektionsimus. „Das Kind lernt nicht, dass Fehler auch in Ordnung
sind“, sagt Altstötter-Gleich. Wenn es Wertschätzung nur bei guter
Leistung gibt, stellt sich das Kind selbst unter den Zwang, immer
besser zu sein.
 
Dichtes Netz an Hilfsangeboten
 
 Behandelt wird dysfunktionaler Perfektionismus in der Regel mit
einer kognitiv orientierten Verhaltenstherapie. Dabei geht es um
die Gedanken, die ein bestimmtes Verhalten begleiten. „Ziel der
Therapie ist es, realistische statt überhöhte Standards zu setzen
und zu lernen, mit eigenen Misserfolgen konstruktiv umzugehen,“
sagt Altstötter-Gleich. Das größte Problem ist aber, rechtzeitig
psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. „Die meisten lassen
sich erst behandeln, wenn die Störung schon weit fortgeschritten
ist“. Das Netz an Hilfsangeboten ist nach Ansicht der
Wissenschaftlerin gut. In gewissem Umfang tragen die Krankenkassen
die Behandlung.
 Martina Müller sieht positiv in die Zukunft. Sie ist dabei, sich
den eigenen Talenten zu öffnen und über ihr inneres Bild in aller
Deutlichkeit zu sprechen. „Ich bemühe mich, meine eigenen
Erwartungen mit meinen Stärken und Talenten in Einklang zu
bringen“, sagt sie. Im Frühsommer will sie an ihren Arbeitsplatz
zurückkehren.

Quelle: AP
Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 13. Mai 2009 um 15:56 Uhr
 
 

Lesen Sie mehr ...

Herzlich willkommen bei mentalnews.com!

"Es gibt keine Gesundheit ohne mentale Gesundheit".
Das behauptet kein Geringerer als die Weltgesundheits-
organisation, WHO. Zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass zentrale Schädigungen der Gesundheit wie Stress, Ängste, Burn-out, Depression, aber auch Übergewicht, Herz-Kreislaufkrankheiten, Diabetes, Krebs und Schmerzen durch mentale Prozesse im Alltag ausgelöst werden.
Wir möchten, dass Sie mehr über diese Zusammenhänge wissen - und sie verstehen. Die Redaktion von mentalnews.com begleitet Sie auf dem Weg zu mentaler und damit auch körperlicher Gesundheit.

Weiterlesen ... Das UnternehmenFür wen?




Die 10 meist gelesenen Nachrichten




Web2.0 Features









Aktuelle Kurzmeldungen




mentalnews.com Buchtipps Mehr Buchtipps




Newsletter
  • Profitieren Sie vom Wissen unserer Gesundheitsredaktion
  • Bilden Sie sich weiter und werden Sie "Gesund aus eigener Kraft"
  • Die wichtigsten aktuellen Meldungen aus der Welt der mentalen Gesundheit erhalten Sie direkt in Ihr Postfach
  • Sie erhalten regelmäßige Exklusivangebote aus dem mentalnews-Shop



Aktuelle Meldungen Gesund denken Gesund ernähren Gesund bewegen Gesund schlafen Gesund arbeiten Gesund lieben Gesund wirtschaften Gesund reisen
Disclaimer | Kontakt | Impressum
© mentalnews 2009 | mentalnews is powered by joomla | Designed by 304000 medienkreationen.